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Anarchiv

Das Anarchiv überantwortet sich der wandernden Intuition des Intellektuellen, der zitierender Wegelagerer, plündernder Archäologe oder bergender Flaneur sein kann. Das solcherart entstehende Gedächtnis schreibt sein anarchisches Potenzial vom Wissen um die Zebrechlichkeit jeder Tafel her. Da ein Gesetz des Gedächtnisses aber unhintergehbar bleibt, sei für das Anarchiv das folgende benannt: Bestandsaufnahme dessen, was darauf besteht, den Bestand zu verweigern.

"Die Eroberung des Marktes geschieht durch Kontrollergreifung und nicht mehr durch Disziplinierung, eher durch Kursfestsetzung als durch Kostensenkung, eher durch Transformation des Produkts als durch Spezialisierung der Produktion. Die Korruption gewinnt hier neue Macht. Zum Zentrum oder zur 'Seele' des Unternehmens ist die Dienstleistung des Verkaufs geworden. Man bringt uns bei, daß die Unternehmen eine Seele haben, was wirklich die größte Schreckens-Meldung der Welt ist. Marketing heißt jetzt das Instrument der sozialen Kontrolle und formt die schamlose Rasse unserer Herren. [...] Der Mensch ist nicht mehr der eingeschlossene, sondern der verschuldete Mensch. [...] Die Kontrolle wird also nicht nur mit der Auflösung der Grenzen konfrontiert sein, sondern auch mit dem Explodieren von Slums und Ghettos. [...]
Entscheidend ist, daß wir am Beginn von etwas Neuem stehen. [...] Im Schul-Regime: die Formen kontinuierlicher Kontrolle und die Einwirkung der permanenten Weiterbildung auf die Schule, dementsprechend die Preisgabe jeglicher Forschung an der Universität, die Einführung des Unternehmens auf allen Ebenen des Bildungs- und Ausbildungswesens."

G. Deleuze


Dekonstruieren? Gewiß, ein verlockendes Schlagwort, denn es bedeutet, gegen die politischen Entfremdungen der Sprache, die Übermacht der Stereotypen, die Tyrannei der Normen zu kämpfen; doch vielleicht ist noch nicht die Zeit dafür: die Gesellschaft folgt nicht.“
Barthes


„Ich hätte gerne G., meiner Mutter, die mich schon lange nicht mehr hört, mitgeteilt, was man wissen muss, bevor man stirbt: nämlich, dass ich nicht nur niemanden kenne, niemandem begegnet bin, von niemandem in der Geschichte der Menschheit weiß, der glücklicher gewesen wäre als ich, mit Glück gesegnet, euphorisch, ja trunken von ununterbrochenen Freuden, aber auch wenn ich, das Gegenbeispiel meiner selbst, anhaltend traurig geblieben bin, beraubt, entthront, enttäuscht, ungeduldig, eifersüchtig, verzweifelt, und wenn zuguterletzt beide Gewissheiten einander nicht ausschließen, dann weiß ich nicht, wie noch den geringsten Satz riskieren, ohne ihn lautlos zu Boden gleiten zu lassen, zu Boden seiner Lexikalik, zu Boden seiner Grammatik und seiner Geologik, wie etwas anderes äußern als ein genauso leidenschaftliches wie desillusioniertes Interesse für diese Dinge: Sprache, Literatur, Philosophie, etwas anderes als die Unmöglichkeit, noch einmal zu sagen, wie ich es jetzt tue: Ich, ich zeichne.“

Derrida


„Vermögen wir, ja oder nein, uns - jenseits jeder Herr- oder Meisterschaft - der Forderung neu zu bemächtigen, die das Denken aus sich selbst hinaus trägt, ohne jedoch diese Forderung in ihrer absoluten Irreduzibilität mit einer Konstruktion von idealen oder einem Fantasmengesudel zu vermengen.“

Nancy


„Es gibt viele profane Gläubigkeiten, es gibt sie selbst noch bei den Weisen und den Philosophen. Doch der Glaube...? Bildet er nicht den notwendigen Bezug zum Nichts: dazu, dass es keinen Endpunkt gibt, keinen Anhaltspunkt, keinen undekonstruierbaren Terminus, und dass die Aufschließung nicht aufhört, das zu öffnen, was sie öffnet (den Okzident, die Mataphysik, das Wissen, das Selbst, die Form, den Sinn, die Religion selbst)?“

Nancy



„Die Entfaltung der Welt muss in ihrer Radikalität gedacht werden: nicht mehr eine Entfaltung vor dem Hintergrund einer gegebenen Welt, nicht einmal eines gegebenen Schöpfers, sondern die Entfaltung selbst und die Verräumlichung des Raumes selbst. (Das Wort 'Radikalität' passt hier also eigentlich nicht. Denn nicht um Wurzeln  geht es, sondern um ein Klaffen.) Ein neuer Aufbruch der Schöpfung: nichts, das abrückt und Platz macht oder etwas Statt gibt. Die Orte, Stätten sind delokalisiert und in die Flucht getrieben durch eine Verräumlichung, die ihnen vorausgeht und die, lediglich später, neuen Stätten Statt geben wird. Weder Stätten noch Himmel noch Götter: im Moment ist es die allgemeine Aufschließung [déclosion], mehr noch als die Entfaltung [éclosion]. Die Aufschließung als Ent-Schließung: Abbau und Auseinandernehmen des Geschlossenen, der Umschließungen, der Geschlossenheiten. Dekonstruktion des Eigentums, des Eigentums des Menschen und der Welt.“

Nancy


„Wenn der Regenbogen der menschlichen Kulturen endlich im Abgrund unserer Wut versunken sein wird, dann wird – solange wir bestehen und solange es eine Welt gibt – jener feine Bogen bleiben, der uns mit dem Unzugänglichen verbindet, und uns den Weg zeigen, der aus der Sklaverei herausführt und dessen Betrachtung dem Menschen, auch wenn er ihn nicht einschlägt, die einzige Gnade verschafft, der er würdig zu werden vermag: nämlich den Marsch zu unterbrechen, den Impuls zu zügeln, der ihn dazu drängt, die klaffenden Risse in der Mauer der Notwendigkeit einen nach dem anderen zuzustopfen und damit sein Werk in demselben Augenblick zu vollenden, da er sein Gefängnis zuschließt; jene Gnade, nach der jede Gesellschaft begehrt, wie immer ihre religiösen Vorstellungen, ihr politisches System und ihr kulturelles Niveau beschaffen sein mögen; jene Gnade, in die sie ihre Muße, ihr Vergnügen, ihre Ruhe und ihre Freiheit setzt; jene lebenswichtige Chance, sich zu entspannen, loszulösen, das heißt die Chance, die darin besteht […], in den kurzen Augenblicken, in denen es die menschliche Gattung erträgt, ihr bienenfleißiges Treiben zu unterbrechen, das Wesen dessen zu erfassen, was sie war und noch immer ist, diesseits des Denkens und jenseits der Gesellschaft: zum Beispiel bei der Betrachtung eines Minerals, das schöner ist als alle unsere Werke; im Duft einer Lilie, der weiser ist als unsere Bücher; oder in dem Blick – schwer von Geduld, Heiterkeit und gegenseitigem Verzeihen –, den ein unwillkürliches Einverständnis zuweilen auszutauschen gestattet mit einer Katze.“
Claude Lévi-Strauss

 

„Die Enttäuschung des Desasters: es antwortet nicht auf die Erwartung, hilft einem nicht, den Standort zu bestimmen, ist überhaupt keine Hilfe, gibt keinerlei Orientierung, auch nicht als Desorientierung oder einfaches Verirren.“
Blanchot

„Die Beschaffenheit der Welt ist schmerzhaft und ungeeignet; ich glaube nicht, daß sich daran etwas ändern läßt. Wirklich, ein mit Lesen ausgefülltes Leben hätte mir besser gepaßt."
Houellebecq


(Gewiß mehr als eine) Hamburger Impression von Celan:

„Abends, in
Hamburg, ein
unendlicher Schuhriemen – an
ihm
kauen die Geister –
bindet zwei blutige Zehen zusammen
zum Wegschwur.“


„Hamm: Ich liebe die alten Fragen. Schwungvoll. Ah, die alten Fragen, die alten Antworten, da geht nichts drüber!“
Beckett


„Mehr und mehr erweisen sich die schaftsinnigsten Denker und Künstler sich als vorzeitige Archäologen, als empörte oder stoische Diagnostiker der Niederlage, als rätselvolle Choreographen der komplexen geistigen Bewegungen, die für ein individuelles Überleben in einer Ära der permanenten Apokalypse von Nutzen sind.“
Sontag


„You taught me language, and my profit on´t is, I know how to curse.“
Shakespeare


„In der heutigen Welt hat jede Technik der Verlangsamung etwas Fortschrittliches."
Barthes


„Der Mensch ist ein Geheimnis. Man muß es enträtseln, und wenn Du es ein ganzes Leben lang enträtseln wirst, so sage nicht, Du hättest die Zeit verloren. Ich beschäftige mich mit diesem Geheimnis, denn ich will ein Mensch sein.“
Dostojewski


„Dieses Buch hat seine Entstehung einem Text von Borges zu verdanken. Dem Lachen, das bei seiner Lektüre alle Vertrautheiten unseres Denkes aufrüttelt, des Denkens unserer Zeit und unseres Raumes, das alle geordneten Oberflächen und alle Pläne erschüttert, die für uns die zahlenmäßige Zunahme der Lebewesen klug erscheinen lassen und unsere tausendjährige Handhabung des Gleichen und des Anderen schwanken läßt und in Unruhe versetzt.“
Foucault

„Die Grammatik der Wesen ist ihre Exegese.“
Foucault

„Dank einer letzten Form der Ähnlichkeit, die alle anderen umhüllt und sie in einem einzigen Kreis einschließt, kann die Welt mit einem sprechenden Menschen verglichen werden: ‚Ebenso wie die geheimen Bewegungen seines Verstehens durch die Stimme manifestiert werden, ebenso scheint es, daß die Gräser zu dem neugierigen Arzt durch ihre Signatur sprechen, indem sie ihm ihre inneren, unter dem Schleier der Natur verborgenen Kräfte enthüllen.’“
Foucault


"In der großstädtischen Zivilisation kann sich der Geist nur in einen Winkel drücken. Dabei ist er aber nicht etwa atavistisch und überflüssig sondern er schwebt über der Asche der Kultur als (ewiger) Zeuge - - quasi als Rächer der Gottheit." 
Wittgenstein