Deszensur
Hier obwaltet eine Zensur, die sich legitimiert über die Gedächtnis- und Trauerarbeit. Der descensus und also Abstieg wandelt sich just in dem Moment zu einem zensierenden Diskurs, in dem er selbstbewußt als Maßstab für alle Äußerung fordert, was sich in seinem Zuge ergibt: Fund als zugleich Ge- und Erfundenes (aus dem Abgrund).
Somit trifft die Deszensur (auf) die allenthalben leuchtende Exhibition, die ihre Inszenierung mit Bedeutung verwechselt. Dem ubiquitären Lob auf die ökonomische Zirkulation an der Oberfläche, jenes sogenannte Neue also, das sich seinerseits dem Vergessen verdankt, setzt die Deszensur eine abgestandene Leere entgegen. Sie dient dem Durchatmen des kritischen Geistes (Gespenstes), der in aller Dekonstruktion wiedergeht, und ist mithin Voraussetzung für jede bedeutsame Fülle. Merke sodann: Auch Allegorien können gefährlich sein, selbst wenn sie hilflos sind.
Somit trifft die Deszensur (auf) die allenthalben leuchtende Exhibition, die ihre Inszenierung mit Bedeutung verwechselt. Dem ubiquitären Lob auf die ökonomische Zirkulation an der Oberfläche, jenes sogenannte Neue also, das sich seinerseits dem Vergessen verdankt, setzt die Deszensur eine abgestandene Leere entgegen. Sie dient dem Durchatmen des kritischen Geistes (Gespenstes), der in aller Dekonstruktion wiedergeht, und ist mithin Voraussetzung für jede bedeutsame Fülle. Merke sodann: Auch Allegorien können gefährlich sein, selbst wenn sie hilflos sind.
Auftakt
A(c)h: Der Auftakt, der das „Ah“ und „Ach“ nicht mehr zu trennen weiß, schiebt sich keuchend und leuchtend über die Rampe des unaufhebbaren Nichtbescheidwissens der Mehrheit und schreibt sich ein in das Stammbuch der Elite von Vogelscheuchen, die, so zerrissen und lächerlich sie sein mögen, vielleicht sogar nutzlos, da all die Vögelein doch schon an Grippe verstorben sind – diese Vogelscheuchen nicken sich immerhin verschwörerisch von Ferne zu, erinnern sie doch das windige Pneuma, das ihnen den unheimlichen Schein des Lebens einflößt.Engagement
Es ist da heute eine unglückselige Tendenz zu bemerken, die von der Abschaffung von Enthusiasmus und Engagement zeugt. Das gemeine engagierte Subjekt schielt überdeutlich auf die Gage, so daß es, nicht mehr scharf hinblickend, schließlich sein eigenes Unterfangen verschwimmen läßt. Und sollte es doch ein paar Klarsichtige geben, so referieren sie eben auf, wie Robert Menasse sagt, „keine soziale Basis, keinen gesellschaftlichen Rückhalt in Form einer Klasse oder Bewegung.“ Engagement sei mithin stets „einsam und antithetisch“. Vielleicht kann dieses Engagement nur im besten Wortsinne melancholisch sein. Wir Einsamen (wir Vogelscheuchen) beleuchten Ruinen, wenn wir uns engagieren. Wir lesen. Eine Knochenarbeit.Reappropriation
Das Gegebene, manche nennen es System, ist in Wahrheit ein Geraubtes, gegen das man sich nur duch konsequente Wiederaneignung und Transformation verwahren kann.Dort wo konzediert wird, dass das Leben nicht lebe, ein nicht lebendiges sei, muss man, Schamanen gleich, den geraubten Begriffen wieder Leben einhauchen, sie aus der Ferne der abstrakten Mächte heranholen, sie auf sich beziehen (relation) und mit dem eigenen, ja, Körper in Berührung bringen. Wenn die Dinge nicht mehr für den Menschen da sind, sondern nurmehr noch die Menschen für die Dinge, stellt sich doch die Frage: Warum, zum roten Hahn, sollte man das Verhältnis eigentlich nicht wieder umdrehen?
Man hat das Leben geraubt: alle Begriffe, die im Eigentümlichen anzusiedeln wären, alle Begriffe, die im Grunde hinein- und heranwachsen sollten in Geist und Körper eines Menschen, etwa Glück. Liebe. Zusammenleben. Selbst die Träume haben keinen Traum. Als erst geraubte und dann ausgesaugte werden sie uns als Steine, Scheine und Versicherungen wieder angedreht. Fast alles trägt zum Fortbestand dieser andauernden Enteignung bei. Und nebenbei richtet man alles zugrunde. Man sagt es zu selten: Euer Leben kostet Leben. Der Rest aber ist kaum genießbar.
Nicht nur in der Krise von heute spricht man allseits von dem fehlenden Adressaten für die Wut, für die Empörung, für den Willen nach dem sog. „change“ - letztlich eruptive Ausbrüche hin zum ersehnten Freiraum des je einzelnen Lebens. Wer nicht mehr an die Institutionen glaubt, sollte sie auch nicht blind anrufen nach Rettung oder nach Übernahme einer Verantwortung, die schon lange keinem Kollektiv und keinem Kopf mehr anzulasten wäre. Ebenso wenig lässt sich einfach (gewaltsam) abschütteln, was man das Phantasma des Gegebenen nennen könnte.
Stattdessen: Wiederaneignung. Aber eine, die sich im selben Moment wieder ausgibt und nichts einheimsen will, als den Atem für die nächste Wende und nichts ersehnt, als so lose, wie zarte, wie mächtige Korrespondenzen einer Neuen Internationalen.
Hysterie
Das Pathos des Fragments ist in schlechten Zeiten auch als eine Hysterie zu begreifen, zu der das psychohistorische Gewordensein des gesellschaftlichen und intellektuellen status quo reizt. Daß nicht eben wenige unserer deutschen Lehrer einen Jacques Derrida zu disziplinieren suchten, hat etwas mit ihrer eigenen Unfähigkeit zu trauern (mithin zu lesen) zu tun. Wer nicht genug still geweint hat, kann sich einer Sprache nicht öffnen, die gleichzeitig aus mehreren Zeiten und mit mehreren Zungen spricht. Wer den einen autoritären Diskurs durch den nächsten ersetzt, beerbt auch die Begierden der Scharfrichter. Die Fallbeile der nun allmählich in den Ruhestand gehenden Alt68er und ihrer konservativen Kollegen bestehen heute in ihrer ungeheuren Ignoranz den ziemlich eingeschüchterten, schlecht, weil gut erzogenen Nachkommen gegenüber. Arrogant ruhen sie sich auf ihren diskursiven Schlachtplatten aus, ohne darauf hinzuweisen, daß es mit ihrer eigenen Kultur nicht zum besten stand. Hätte man eine einigermaßen gereifte Kultur (der Gast- und also Geistesfreundschaft) besessen, wäre Jacques Derrida bereits in den 70er Jahren zu einem der beliebtesten Gäste der deutschen Universitäten gekürt worden. Am Umgang (von Polemik bis Ignoranz) der intellektuellen Machthaber der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit der Dekonstruktion erkennt man die Vorboten des Niedergangs einer Denk-, Dialog- und Frage-Kultur. Gewiß, die Hysterie hat nicht das letzte Wort.Heimlichkeit
Etwas heimlich tun heißt etwas Geheimes tun, das ein Geheimnis sein kann, aber nur von kurzer Dauer, nicht dazu angetan, die heimliche Aktion zu überdauern. Heimlich, still und leise wird etwas unternommen, das nicht auffallen soll, nicht um ein Geheimnis zu instituieren oder zu wahren, sondern um diesseits einer gewissen Aufmerksamkeit zu handeln, also etwas unbemerkt zu tun, aus ganz pragmatischen und profanen Gründen, um zu überraschen oder zu überrumpeln oder um zu stehlen, weshalb man verstohlen zu Werke geht. Das Mißtrauen scheint im Spiel zu sein. Und Bedrohlichkeiten. Denn: Von Heimlichkeiten sprechen heißt von Dingen oder Vorgängen zu sprechen, die semantisch oszillieren zwischen dem Geheimen, Geheimnis und der Geheimhaltung so wie dem Heim, dem Heimeligen, aber auch der Heimsuchung – und schließlich auch vom Umheimlichen, als demjenigen, dem die Heimsuchung entspringen könnte. Einem Adjektiv vorangestellt, wird „unheimlich“ auch als Verstärker benutzt. Etwas oder jemanden unheimlich schön oder häßlich zu finden, heißt jedenfalls, von einem Maß zu sprechen, das nicht mehr heimelig, nicht mehr der rationalen Nomie des oikos entstammt, sondern darüber oder darunter oder jenseits davon aus dem Unheim kommt, aus dem Unbegreiflichen.Der unheimliche Schluß: Der heimlich Agierende wird, falls überhaupt, von seiner Umgebung schnell als unheimlich erfahren. Ohne die mögliche Erhabenheit des Geheimnisses ausgestattet, ist das Heimliche also weit harmloser, flüchtiger und darin vielleicht schwerer zu fassen – in summa eine Kalkulation, die das Weltgefüge zu vernichten imstande ist.
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