Call for Pharmacy
So unterschiedlich die Schrift wirken kann, so differenziert fallen auch die Antworten und Herangehensweisen der Autorinnen und Autoren aus: In Form von historischen Relektüren, theoretischen Grundlegungen, philologischen Neubewertungen und poetischen Sprachexperimenten liegen Beiträge vor, die gerade in ihrer Vielstimmigkeit einer interdisziplinären Paradigmenbildung zuarbeiten. Die Erfahrungen skripturaler und medialer Wirkungen werden mithin nicht nur festgehalten und analysiert, sondern bestenfalls sogar transformiert in innovative Theoreme und Poeme. Man mag sie zu Teilen schon als Poeto-Pharmaka bezeichnen, die – wohldosiert und sinnvoll eingesetzt – einer sozialen und existentialen Therapeutik (nennen wir sie ruhig Theutherapeutik) und „Entwicklungspharmakologie“ (Stiegler) zugute kommen könnten.
Solcherart Literatur und Theorie als buchstäbliche Überlebens-Mittel ernst zu nehmen, kann, wenn überhaupt, nur Wirkungen zeitigen, da erkannt wird, wieviel Arbeit an und in der medialen Pharmazie noch zu tun ist.
Wir danken den Beiträgerinnen und Beiträgern für ihre mutigen Vorstöße und Erhellungen.
Und: Die Türen unserer Poetopharmazie stehen weiterhin offen. Wer mag, schaut hinein, liest – und schreibt.
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Leonhard Fuest entwickelt erste paradigmatische Thesen für eine zukünftige „Pharmakopoetik“. Dabei setzt er auf eine begründete Bildung von Neologismen. Er fragt zum Beispiel, was mit sogenannten „Poetopharmaka“ anzustellen wäre. Wozu dient ihre Produktion und Rezeption? Und was soll eine „Poetopharmazie“ sein? Man kann ja mal hereinschauen.
Fuest: Für eine Pharmakopoetik.pdf |
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Der Psychiater Volker Theysohn warnt vor der Lesesucht. Wir trauten uns keinen Click mehr zu machen, befragten wir ihn zu den Folgen des Surfens im Netz.
Theyson: Lesesucht.pdf |
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Jürgen Gunia entwickelt in seinem Aufsatz über homöopathischen Schriftgebrauch eine Art skripturale Erregungslehre, die eine Ethik des Schreibens (und Lesens) mit einer Ästhetik des Lesens (Schreibens) verbindet und in das umfassende Projekt einer ‚Praktischen Philologie’ mündet. Hierbei geht es nicht zuletzt um die permanente Arbeit am Selbst, die das Leben als ein ewiges Ringen um Gleichgewicht nicht nur bejaht, sondern zuallererst erfahrbar werden lässt.
Gunia: Gesundheit erregen.pdf |
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Handfest, mit Reibung und Berührung, geht es zu im Dialog der Schrift- und Bildkünstler Tobias Amslinger und Léonce W. Lupette mit der und über die Schrift. Da gibt es Sperren, Disziplin, Zwang und Kaktusstacheln. Der pharmazeutische Wechselgesang gipfelt aber in einem wunderbaren Versprechen: „Sichansteckenlassen als die wirksamste Heilung.“
Amslinger/Lupette: Schrift.pdf |
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Markus Wiefarn geht zurück an den Ursprung der Schrift und macht ihr eine Szene. In dieser nicht eben blutleeren Familienszene treten auf: Miserable und gehorsame Söhne, gemordete und verbitterte Väter, Passionierte und Selbstopfernde. Wozu das alles? Für die Verheißung einer Transformation.
Wiefarn: Das Ende des Vaters und der Anfang der Schrift.pdf |
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Johanna Zeisberg beginnt beim A und O der Pharmazie und lässt sich in ihrer Lektüre der fünf Bücher Mose regelrecht anstecken von der Freude über das erste universale Medium überhaupt. Was sich hier eröffnet, ist der Blick auf die historische Wirkmächtigkeit des Pharmakons Schrift, durch dessen Entdeckung das Wunder zur Kulturtechnik wurde und Gott zum Ebenbild des schriftbegabten Menschen.
Zeisberg: Ich bin das A und O.pdf |
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Sebastian Dieterich begibt sich tastend in einen selten besuchten Trakt der Pharmazie und entdeckt im Regal des großen Universalgelehrten und Kulturphilosophen Ernst Cassirer geheimnisvolle Kolben gleich im Dutzend. Seine ersten pharmazeutischen Etikettierungen wenden heilsam ins Nüchterne, was eigentlich trunken machen könnte: Bewegung, Freiheit, Energie, Aufmerksamkeit und das lebendige Selbst.
Dieterich: Ernst Cassirers Pharmaka.pdf |
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In Jonas Friedrichs „Lyrik ohne Leier“ wird das Wort Fleisch und treibt, eingepflanzt in die Erde, so manche Blüte. Und Bücher haben Hände. Ja, ohne die alte Leier geht auch das.
Friedrich: Lyrik ohne Leier.pdf |
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Johanna Langmaacks Lektüre der pharmakologischen Potenz des Werther zeigt sich als Meditation über den Korrespondenzen von pneuma und fluidum. Über dem Wehen des Geistes und der Buchseiten, zwischen den Strömen der Affekte und Zeichen wacht diese Lektüre, als ob sie innehielte, wo sie doch tatsächlich Neuland betritt.
Langmaack: Das Wehen und Fließen.pdf |
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Matthias Mauser schlägt erste Schneisen in den dichten Wald der pharmakologischen Paradoxien, Aporien und Differenzen und nähert sich dabei einer noch ausstehenden Geschichte der elementaren Schriftreflexion an. Auf seiner Suche nach dem hölzernen Stoff der Sprache begegnen ihm träumende Transsilvanier, naturverbundene Waldwanderer und revolutionäre Holzfäller, deren Erfahrungsschatz das beherbergen könnte, was Mauser eine pharmakologische Ökologie der Schrift nennt.
Mauser: Holzen wie die Alten.pdf |
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Lydia White begegnet in Berlin dem Leibhaftigen: Walter Benjamins „Schriftkörper“, der im Archiv verwahrt wird, gibt Anlass zu einer Reflexion über die zwar anregenden, aber auch unheimlichen Wirkungen der handschriftlichen Korrespondenz zwischen Freunden.
White: Der unerwartete Besuch.pdf |
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Julia Boog nimmt die Frage nach der Potenz des Pharmakons Schrift beim Wort und verfolgt die Spuren des Eros bis in die alten Zeiten zurück. Zwischen Verhüllung, Aufklärung und Verführung wird klar: Theuth und Eros haben was miteinander, Aphrodisiaka - auch solche des Geistes - können gefährlich sein und wer da mitmischen will, landet unversehens in der größten Bataille. Boog: Erotikkur.pdf |
CFP-Text
Zwischen Heilung und Vergiftung: Erfahrungen mit dem Pharmakon „Schrift“
Theuth, der Erfinder der Rechenkunst, der Geometrie, der Sternenkunde, des Würfelspiels und der Buchstaben trat einst vor den König Thamus aus Theben. Ihm präsentierte er seine Künste und wünschte ihre Verbreitung in ganz Ägypten. Der König ließ sich von Theuth über den Nutzen jeder Erfindung unterrichten. Zu den Buchstaben sagte Theuth: „Dieser Lehrgegenstand, o König, wird die Ägypter weiser machen und gedächtnisfester; denn als ein Mittel (pharmakon) für den Verstand und das Gedächtnis ist er erfunden.“ Theuth präsentierte dem König also die Schrift als Pharmakon. Der König aber nahm die ihm zugedachte Gabe nicht an und fällte ein vernichtendes Urteil: Die Schrift erschien ihm nutzlos und gefährlich.
Theuths Pharmakon, das sich offensichtlich bis heute erhalten hat, kann Heilmittel oder Gift sein und je nach Dosierung unterschiedliche Reaktionen auslösen. Zugespitzt formuliert, ist mit ihm die Frage von Leben und Tod immer gegenwärtig. (Der Gott der Schrift ist auch der Gott des Todes. )
Um ein wenig zu differenzieren: Wie wirkt, sofern sie wirklich wirkt, die Schrift einerseits als Heilmittel? Wen oder was kann sie heilen? Welche therapeutischen Wirkungen weisen Schreiben und Lesen auf? Daß es sie geben soll, behaupten ja beispielsweise Poesie- und Bibliotherapeuten. Und wie steht es andererseits um die unerwünschten Nebenwirkungen? Welche Warnhinweise gibt es bzw. sollten gegeben werden? Was bedeutet eigentlich „richtige und falsche Dosierung“ für den Buchstabenkonsum?
Solche und ähnliche Fragen umkreisen das Zentrum einer möglichen Auseinandersetzung mit dem Pharmakon Schrift, dessen Grenzen damit längst nicht gesetzt sind. Es geht hier auch, aber nicht nur um Wissensfragen nach der janusköpfigen Tradition der Schrift. Überdies sind Erfahrungen gefragt. Wir wenden uns mithin an Intensivkonsumenten des Pharmakons, mehr oder weniger professionell Lesende und Schreibende: Welche Effekte löst Theuths Erfindung bei Ihnen aus? Was haben Sie (gewissermaßen im Selbstversuch) beobachtet und erfahren?
Ob Aufsatz, Bericht, Essay, Fragment, Notat etc. – die Form des Beitrags ist frei wählbar. Wir planen, die Texte zunächst auf dekonstrukte.de zu publizieren. Und da wir das also im Netz tun, sind auch solche Reflexionen höchst willkommen, die die Herstellung und den Konsum des Pharmakons ausgerechnet in diesem Medium ernst nehmen. Wir freuen uns auf Ihre Zusendung an:
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&WikiCommons
Fuest: Für eine Pharmakopoetik.pdf